Ich schulde niemandem meinen Körper

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Ich schulde niemandem meinen Körper



Illustrations by Charlotte Gomez / BuzzFeed

Als er weg war, verfluchte ich mich selbst, weil ich diesen Rock getragen hatte. War der Rock zu aufreizend gewesen? Hatte der Rock ihn vielleicht auf falsche Gedanken gebracht? Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass er mich nach Hause fährt, dachte ich. Vielleicht hätte ich einem zweiten Date gar nicht erst zustimmen sollen. Vielleicht hätte ich nicht zulassen dürfen, dass er meinen Drink bezahlt.

Als ich in der Dusche stand und mir seinen Speichel vom Hals wusch, fragte ich mich, ob er recht hatte.

Vielleicht hatte ich ihn ja wirklich nur verarscht.

Ich traf mich mit Tim in einer Bar zu unserem ersten Date. Wir hatten ein paar Tage lang online gechattet – über mein beschissenes Drehbuchmanuskript und das Wetter in Los Angeles. Dann tat er den nächsten Schritt und vereinbarte ein Date mit mir.

Tim war groß, dunkelhaarig und gutaussehend, aber nicht so, dass es mich umhaute. In seinem Profil stand, dass er an einem bekannten, weil teuren Institut Film studiert hatte und dass er Hunde mag. Das war für mich genug, um nach rechts zu wischen.

Als ich ankam, saß er da, über den Tresen gebeugt, trug einen Patagonia-Fleecepulli und drehte die Getränkekarte in den Händen um. Er war größer, als ich gedacht hatte. Das gefiel mir. Und er war süßer als erwartet, was mir ebenfalls nichts ausmachte – wobei das vielleicht bloß an der vorteilhaften Beleuchtung der Bar lag. Als ich mich vorstellte, umarmte er mich so, als würde er einen alten Freund treffen.

Wir bestellten Getränke und er lachte sofort über mein Angebot, meinen Drink selber zu bezahlen. Er beharrte darauf, dass „eine Dame niemals fürs erste Date bezahlt”. Bei seinen Worten drehte sich mir der Magen um, aber ich schüttelte das Gefühl ab, denn ich war entschlossen, das Date nicht abzuschreiben, bevor es richtig begonnen hatte.

Er machte ein paar Witze, die ich zwar nicht wirklich lustig fand, über die ich aber trotzdem laut lachte.

Es lief so, wie man es von einem ersten Date mit einem Quasi-Fremden erwarten kann. Wir besprachen noch einmal unsere kleinen Gemeinsamkeiten, die wir im Online-Gespräch entdeckt hatten – Dinge wie Familie und die kleinen Ärgernisse bei der Arbeit. Er machte ein paar Witze, die ich zwar nicht wirklich lustig fand, über die ich aber trotzdem laut lachte.

Nach zwei Drinks legte er seine Hand sanft auf mein Bein, während ich sprach, und zeichnete mit dem Daumen mein Knie nach.

Kurz nach 22 Uhr konnte ich mir ein Gähnen nicht verkneifen. Ich sagte ihm, dass ich jetzt besser nach Hause fahre, und zog mein Handy raus, um ein Uber zu bestellen. Er protestierte und bestand darauf, mich nach Hause zu fahren. Nach einer kurzen internen Debatte zwischen der mittellosen Autorin und der unabhängigen Frau in mir stimmte ich zu.

Auf der Heimfahrt legte er mir wieder die Hand aufs Knie, während er fuhr. Ich rückte von ihm weg und mir wurde bewusst, dass ich mit jemandem alleine im Auto saß, den ich nicht allzu gut kannte. Als wir meine Straße erreichten, zeigte ich ihm eine Stelle, wo er halten konnte.

„Soll ich parken?”, fragte er.

„Ich bin echt müde”, sagte ich. „Ich glaub’, ich werd’ mal schlafen gehen.”

„Schade. Okay”, sagte er und lehnte sich prompt herüber, um mich zu küssen.

Es überraschte mich, wie forsch er war, doch ich ließ es zu, dass sich unsere Lippen trafen. Wir küssten uns ein paar Sekunden lang, dann spürte ich, wie seine Hand nach oben zum Saum meines Rocks wanderte. Ich wich zurück.

„Okay, ich muss los. Nacht!”, sagte ich und sprang rasch aus dem Wagen. Beim Gehen hörte ich noch, wie er aus dem Auto laut „Tschüss!” rief.

Als ich ins Haus ging, hatte ich ein flaues Gefühl im Magen – aber das war nicht jene schöne, vertraute Empfindung, die du hast, wenn du jemanden triffst, den du magst und der dich küsst. Es war dieses Gefühl, das sich einstellt, wenn du auf der Achterbahn ganz oben ist und nicht genau weißt, ob du weiterfahren willst. Ich tat das Gefühl als meine persönliche, vertraute, oft irrationale Angst ab und legte mich schlafen.

Tim meldete sich am nächsten Tag wieder und fragte, ob ich Zeit hätte, mit ihm am folgenden Freitagabend das Konzert einer Band zu besuchen, die „ganz groß im Kommen” ist, wie er es nannte. Obwohl meine Gefühle für ihn nach dem ersten Date gemischt waren, sagte ich zu. Ich sagte mir: Du solltest wenigstens mal gucken, ob da nicht doch irgendetwas ist. Tim sagte, dass er das Ticket für mich kaufen wird, und lehnte es erneut ab, dass ich im Gegenzug etwas anderes bezahle.

„Er ist halt ein netter Typ”, sagte ich, und während die Worte meinen Mund verließen, war ich mir nicht sicher, ob das stimmte.

Als es Freitagabend war, sagte er, dass er mich abholen komme. Er meinte, das sei einfacher, als wenn wir versuchen würden, uns in der Menschenmenge beim Konzert zu finden. Ich wusste, dass ich mich in meinem eigenen Auto wohler fühlen würde, aber ich gab nach.

Während ich auf ihn wartete, schien meine Mitbewohnerin besser über meine Gefühle Bescheid zu wissen als ich. Ihr fiel auf, dass ich mich nicht sonderlich auf mein Date zu freuen schien.

„Stimmt … Ich weiß nicht, ob ich mich freue”, sagte ich.

„Wieso gehst du dann hin?”, fragte sie.

„Weiß ich nicht. Er ist halt ein netter Typ”, und während die Worte meinen Mund verließen, war ich mir nicht sicher, ob das stimmte.

Als ich rausging, wartete er an der Beifahrertür seines Wagens. Er sagte, dass ich wunderschön aussehe, hielt mir die Tür auf und dirigierte mich in den Sitz, wobei er mir die Hand in Taillenhöhe auf den Rücken legte.

„Ich wollte erst Blumen mitbringen, aber dann dachte ich, das wäre zu viel”, sagte er lachend. Ich verkniff mir die Frage, was ich denn mit einem Blumenstrauß auf einem Open-Floor-Konzert hätte machen sollen, und lächelte zurück.

Als die Band zu spielen begann, trat er hinter mich und schlang seine Hände um meine Taille. Aber ich entzog mich seinem Griff, wobei mir mein schlechtes Tanzen half, stellte mich stattdessen neben ihn und behauptete, der Typ vor mir würde mir die Sicht versperren.

Ich warf einen Blick auf mein Handy und fragte mich, wie lange das Konzert wohl noch dauern würde.

Als die Band fertig war, fragte er mich, ob ich ein Bier will und dann zu einem kleineren Konzert mitkommen möchte, wo ein Freund von ihm spielte. Ich wusste, dass der Abend für mich gelaufen war, also sagte ich, dass ich müde sei und am nächsten Morgen früh aufstehen müsse. Auch dieses Mal bot er mir an, mich nach Hause zu fahren, und meinte, ein Nein könne er nicht akzeptieren. Ich zögerte, ermahnte mich aber, dass er ja all die üblicherweise „richtigen” Dinge getan hatte, was das Dating betrifft: am nächsten Tag eine SMS schreiben; mir sagen, dass ich hübsch aussehe; pünktlich erscheinen und mir die Tür aufhalten. Er ist ein netter Typ, sagte ich mir und machte mir innerlich Vorwürfe.

Er hatte ja all die üblicherweise „richtigen” Dinge getan, was das Dating betrifft: am nächsten Tag eine SMS schreiben; mir sagen, dass ich schön aussehe; pünktlich erscheinen; mir die Tür aufhalten. 

Auf der Fahrt nach Hause legte er mir wieder seine vertraut-unvertraute Hand aufs Bein. Er berührte meine Strumpfhose, zog leicht daran und ließ sie gegen mein Bein schnipsen. Vor Überraschung zuckte ich zusammen.

„Die ist sexy”, sagte er.

„Danke”, sagte ich und wünschte mir, ich hätte Jeans angezogen.

Als wir in meine Straße kamen, hielt er nach einer Stelle zum Parken Ausschau.

„Du kannst mich einfach hier absetzen”, warf ich ein.

„Darf ich ein Glas Wasser haben? Ich habe ein paar Bier getrunken, da sollte ich wohl Wasser trinken”, sagte er.

„Okay”, sagte ich und dachte mir, dass ich nicht schuld sein will, wenn er betrunken fährt.

Als wir in meiner Wohnung waren, ging ich gleich in die Küche, um ihm Wasser zu holen. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, und da saß er zurückgelehnt auf meinem Sofa und musterte den Raum.

„Niedlich hier”, sagte er, und ich wusste nicht, ob das als Beleidigung oder als Kompliment gemeint war.

„Danke”, antwortete ich, während ich ihm sein Wasser reichte.

Er nippte kurz, dann stellte er das Glas ab und stand auf.

„Kann ich einen Rundgang machen?”, wollte er wissen.

„Es gibt nicht viel zu sehen”, meinte ich, lachte und versuchte, nicht auf meine plötzlich pulsierenden Nerven zu achten. „Das hier ist das Wohnzimmer, dort ist das Esszimmer und dort die Küche”, sagte ich.

„Wo ist dein Zimmer?”, fragte er lächelnd.

„Dort hinten”, antwortete ich, zeigte in den dunklen Flur und hoffte, dass meine Mitbewohnerin zu Hause war.

Er schlenderte in mein Zimmer und machte das Licht an. Ich stand in meinem Türrahmen, die Arme um den Körper geschlungen.

Er nahm ein Buch in die Hand, das ich zu der Zeit gerade las, und überflog den Text auf der Rückseite.

„Ich bin eigentlich total müde. Du solltest vielleicht gehen”, sagte ich.

„Es ist noch nicht so spät”, meinte er.

„Ich bin eine alte Dame”, scherzte ich in dem verzweifelten Bemühen, locker zu wirken.

„Okay, gut. Aber bevor ich gehe, muss ich das tun”, sagte er.

Bevor ich fragen konnte, was mit „das” gemeint war, kam er zu mir herüber, packte mich am Unterkiefer und zwängte seine Zunge zwischen meine Lippen. Ich schloss die Augen und ließ seinen schlabberigen Kuss über mich ergehen. Seine Zunge schmeckte nach Bier und ich dachte an das nahezu unberührte Wasserglas im Wohnzimmer.

Ich wich zurück, er aber zog mich fester an sich heran. Halbherzig erwiderte ich seinen Kuss – nicht, weil ich es wollte, sondern weil du dir manchmal nicht eingestehen kannst, dass vielleicht gleich etwas Schreckliches passiert.

Er küsste mich weiter und drückte mich gegen die Wand. Ich spürte, wie ich mit der Wirbelsäule gegen den Rahmen meines Schrankes stieß.

Ich hasste mich für diesen Gedanken, aber als er seinen Körper gegen meinen drückte, dachte ich: „Vielleicht sollte ich es einfach nur hinter mich bringen.”

„Langsam”, sagte ich.

Ich spürte seine Zähne auf meinen Lippen, als er lächelte.

„Ich hab’ meine Tage”, log ich.

„Macht nichts”, sagte er.

„Weiter will ich nicht gehen”, sagte ich und drehte meinen Körper weg von seinem.

„Lass uns einfach Spaß haben”, meinte er und drückte mich noch fester an sich, während er meinen Hals küsste.

Er schob seine Hand unter meinen Rock und wischte meine Hand beiseite, als ich ihn davon abhalten wollte.

Ich machte die Augen zu und fragte mich, wann er wohl aufhören würde. Ob es eine einfachere Alternative wäre, wenn ich einwilligte, mit ihm Sex zu haben? Ich hasste mich für diesen Gedanken, aber als er seinen Körper gegen meinen drückte, da dachte ich: Vielleicht sollte ich es einfach nur hinter mich bringen.

„Meine Mitbewohnerin ist zu Hause”, sagte ich in einem Ton, der als Warnung gemeint war.

„Dann sei halt leise”, sagte er.

„Weiter will ich nicht gehen”, wiederholte ich, dieses Mal mit Nachdruck. Seine Hände waren jetzt unter meiner Bluse.

„Bist du sicher?”, meinte er und schaute mich wieder mit diesem lüsternen Grinsen an. Ich packte fest seine Hand und zog sie aus meiner Bluse.

„Ja”, sagte ich. Die Tatsache, dass meine Mitbewohnerin im Nebenzimmer war, gab mir Mut. Schlagartig wirkte er nicht mehr verspielt, sondern wütend.

„Im Ernst?”, fragte er.

„Ja, sorry”, sagte ich, wobei ich nicht wusste, wofür ich mich eigentlich entschuldige.

„Hast mich wohl verarscht, was?”, zischte er. Jetzt wirkte er gar nicht mehr so nett. „Leute in unserem Alter sind nicht so langsam, nur damit du es weißt”, sagte er. Als ob er mir einen Gefallen täte!

„Okay”, sagte ich.

„Ich meine, ich hab’ dich auf Drinks eingeladen und auf ein Konzert. Die meisten Kerle würden sich für ein dahergelaufenes Mädchen nicht solche Mühe machen”, meinte er.

„Okay”, sagte ich wieder. Ich spürte ein Kitzeln in den Händen und hoffte, er würde gehen, bevor ich eine Panikattacke kriege.

Er schnappte seine Schuhe, warf sich die Jacke über die Schulter und drehte sich zu mir. Dabei schaute er mich an, als wäre ich eine Investition, die futsch gegangen ist.

„Ich schreib’ dir oder so”, sagte er, und ich hoffte, er meinte es nicht ernst.

Als er weg war, zog ich mich aus und stellte mich unter die Dusche. Ich stand unter dem kochend heißen Wasser und versuchte, das Gefühl seines Mundes auf meinem Hals abzuwaschen, das Gefühl seiner Hand unter meinem Rock.

In diesem Moment hasste ich ihn nicht. Ich hasste mich selbst. Ich hasste mich, weil ich es nicht fertiggebracht hatte, ihm zu sagen, dass ich nicht mit ihm schlafen will. Weil ich stattdessen behauptet hatte, müde zu sein. Ich hasste mich wegen meiner Angst, unhöflich zu wirken. Ich hasste mich, weil ich ihn hatte fahren lassen, statt mein eigenes Auto zu nehmen. Ich hasste mich, weil ich ihm ein Glas Wasser gebracht hatte. Ich hasste mich, weil ich meine Kontrolle aufgegeben hatte – aus Angst, jemanden zu beleidigen, den ich kaum kannte; aus Furcht, als wählerisches Flittchen dazustehen.

Manchmal tun nette Typen alle diese Dinge nicht, weil sie tatsächlich nett sind, sondern um das zu bekommen, was sie wollen.

Aber im Nachhinein ist mir klar, dass nicht ich die Person bin, auf die ich wütend sein muss. Tim ist es, denn ich habe immer und immer wieder nein gesagt, auf so viele verschiedene Arten, wie es mir möglich war, bis er es endlich hörte – bis er mich endlich hörte. Und was mir am meisten Angst macht, ist, dass so viele Männer diese Worte trotzdem nicht hören oder nicht hören wollen. Ich denke, manche Männer werden in dem Glauben erzogen, der Körper einer Frau sei eine Ware, die einen Preis hat. Und ich als Frau glaube, man will mir weismachen, dass ich dankbar zu sein habe, wenn ich einen Mann finde, der diesen Preis zu zahlen bereit ist. Man sagt mir (oder ich sage es mir selbst), dass er ein „netter Typ” ist.

Und so ist das mit den netten Typen: Man kann sie sich nicht immer aussuchen. Sie tragen Patagonia-Klamotten und haben schöne Haarschnitte. Sie halten dir die Tür auf und bezahlen dein Getränk. Sie lachen über deine Witze und erkundigen sich nach deiner Familie. Aber manchmal tun nette Typen alle diese Dinge nicht, weil sie tatsächlich nett sind, sondern um das zu bekommen, was sie wollen. Oder zumindest das, was ihnen vermeintlich „zusteht”. Ich musste auf die harte Tour lernen, was das beim modernen Dating ungefähr bedeutet: Wenn ich mindestens 50 Dollar in dich investiere, dann schläfst du gefälligst mit mir.

Ich habe das Gerede von der „Friendzone” satt. Und ich habe genug davon, als Verarscherin bezeichnet zu werden. Ich habe die ungeschriebene Regel satt, nach der jemand, der Zeit und Geld für mich aufwendet, ein Recht auf meine körperliche Zuwendung hat. Vielleicht bin ich manchmal einfach nur müde. Und vielleicht habe ich manchmal meine Tage oder meine Mitbewohnerin ist zu Hause oder der Zeitpunkt ist einfach ungünstig. Aber selbst wenn nichts davon zutrifft: Wisst ihr was? Selbst dann brauche ich mich für mein Nein nicht zu rechtfertigen. Mein Körper gehört mir. Er kann weder für drei Drinks in einer schwach beleuchteten Bar noch mit Blumen noch mit Show-Eintrittskarten gekauft werden. Wenn ich aber „ja” sage, dann will ich es.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.






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